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Themenkomplexe und Forschungsfragen

Der 2004 erarbeitete Grundkonsens der UFO-Forschung formuliert 4 Themenkomplexe mit beispielthaften Forschungsfragen. Um das mögliche Arbeitsfeld der wissenschaftlichen UFO-Forschung noch einmal genauer darzustellen, haben wir die Beispielforschungsfragen hier noch einmal sepeparat dargestellt.

1. Forschungsfragen subjektzentrierte UFO-Forschung

Die subjektzentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die Erfahrungen der UFO-Sichter aus deren eigener Perspektive, wie diese erlebt und verarbeitet werden. Typische Forschungsfragen sind beispielsweise:

  • Wie sind solche Erfahrungen phänomenologisch strukturiert?
  • Unterscheiden sich Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen in irgend einer Weise systematisch von der Durchschnittsbevölkerung (z.B. hinsichtlich von Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen, soziodemographischem Status, biographischen Hintergründen etc.) ?
  • Welche zeitlichen, räumlichen und kulturellen Muster in der Verteilung von UFO-Sichtungserfahrungen lassen sich rekonstruieren?
  • Wie verarbeiten Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen solche außergewöhnlichen Erlebnisse?
  • Werden UFO-Sichtungserfahrungen stets permanent erinnert oder finden sich auch Phänomene der Wiedererlangung oder Generierung von Erinnerungen (spontan oder auch im therapeutischen Rahmen)?
  • Welche Bedeutung haben religiöse Überzeugungssysteme für das Erleben von UFOSichtungserfahrungen?
  • Welche Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede bestehen zwischen UFOSichtungserfahrungen und anderen außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen wie z.B. sog. „Entity Encounter Experiences“ (=Fachbegriff für Begegnungserfahrungen mit fremdartigen Wesenheiten) ?
  • Wie reagiert die soziale Umwelt typischerweise auf Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen, und wie gehen UFO-Sichter typischerweise damit um?

2. Forschungsfragen kommunikationszentrierter UFO-Forschung

Die kommunikationszentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die Kommunikation über UFO-Sichtungserfahrungen in unterschiedlichen sozialen Systemen, und wie dadurch Berichten über UFOs ein Realitätsstatus zugeschrieben oder entzogen wird. Typische Forschungsfragen sind beispielsweise:

  • Wie verarbeiten die Gesellschaft und ihre verschiedenen Subsysteme typischerweise die Berichte über UFO-Sichtungserfahrungen?
  • Welche unterschiedlichen kommunikativen Modi, wie über UFOs gesprochen bzw. berichtet wird, lassen sich identifizieren, welche Funktion haben sie und wann kommen sie zum Einsatz?
  • Welchem historischen Wandel unterliegen Berichte über UFOs, und wie hat sich historisch die gesellschaftliche Kommunikation über UFOs entwickelt?
  • Welche kulturellen Unterschiede bestehen in der Kommunikation über UFOs, wie wird das Thema beispielsweise in „nicht-westlichen“ Kulturen behandelt?
  • Wie halten Menschen, die eine bestimmte Überzeugung zum Realitätsstatus oder zur Erklärung von UFOs haben, ihre Überzeugungen im Sinne von Belief- oder Disbelief-Systemen stabil? Welche stereotypisierten Diskurs- bzw. Immunisierungsstrategien prägen Pro/Contra-Debatten zum UFO-Thema?
  • Welche Gründe lassen sich identifizieren für die häufig anzutreffenden psychologisch-psychiatrischen Pathologisierungsversuche und die soziale Stigmatisierung von Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen?
  • Welche Bedeutung haben religiöse Überzeugungssysteme für den gesellschaftlichen Diskurs über UFOs? Wie kann man die teils enorme religiöse Produktivität von Erzählungen über UFOs und deren Deutung verstehen, wie sie sich auch in verschiedenen religiösen Gruppenbildungen manifestiert, und was zeichnet diese Gruppenbildungen aus?
  • Inwiefern ist die spezifische Kommunikation über UFO- Sichtungserfahrungen vergleichbar mit der über andere außergewöhnliche Erfahrungen oder anomale Erscheinungen?

Insbesondere die folgenden gesellschaftlichen Subsysteme scheinen von besonderem Interesse zu sein:

  • Die Medien: Spielen sie beispielsweise auch eine Rolle bei der Genese von UFO-Sichtungserfahrungen, gibt es medial induzierte Sichtungswellen? Welche Bedeutung hat das medial verbreitete Bild- und Filmmaterial für die Entwicklung des UFO-Diskurses?
  • Die explizit fiktionale Literatur: Welche Austauschbeziehungen bestehen insbesondere zwischen dem Science Fiction-Genre und dem nicht-fiktionalen UFO-Diskurs, und welche Konsequenzen hat dies für die gesellschaftliche Verortung des letzteren?
  • Die „scientific community“: Auf der Basis welcher Informationsquellen bildet sich die scientific community (außerhalb des Diskussionszusammenhangs der UFO-Forschung) ihre Meinung zu UFOSichtungserfahrungen? Welche Auswirkungen hat die Stigmatisierung der Thematik im üblichen Diskurs der Wissenschaftsgemeinde auf einzelne Wissenschaftler, die nicht dieser Erwartungshaltung entsprechen? Wie kam es historisch zu dieser Stigmatisierung und wie wird sie stabil gehalten?
  • Staatliche Institutionen: Welche Rolle spielten und spielen – insbesondere in den USA – Geheimdienste und andere staatliche Stellen bei der Etablierung und der Zurichtung des UFO-Themas? Welche Bedeutung hatten und haben in diesem Kontext sicherheitspolitische Überlegungen?
  • Die UFO-Szene, d.h. die Szene all jener Personen, die sich in irgend einer Weise dauerhaft mit UFO-Sichtungserfahrungen beschäftigen: Wie ist sie strukturiert und wie lassen sich diese Strukturen verstehen?

3. Forschungsfragen objektzentrierter UFO-Forschung

Die objektzentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die mutmaßlichen Objekte, die zwischen dem Pool der „Identifizierten Flugobjekte“ (IFOs) und dem Pool der „UFOs im engeren Sinne“ unterschieden werden, wobei die genaue Abgrenzung zwischen beiden Pools oft kontrovers diskutiert wird.

Zum Pool der IFOs lauten typische Forschungsfragen beispielsweise:

  • Wie ist der Pool der IFOs strukturiert? Welche spezifischen Merkmalsprofile weisen die verschiedenen IFO-Typen auf?
  • Welche Faktoren (z.B. Vertrautheit mit bekannten Himmelsphänomenen, Ambiguitätstoleranz, ontologische und phänomenologische Vorannahmen) lassen sich identifizieren, die dazu führten, dass die IFOs von den Subjekten zunächst als UFOs eingestuft wurden?
  • Welche operationale Definition der genauen Grenzziehung zwischen IFOs und „UFOs im engeren Sinne“ ist für welches spezifische Forschungsinteresse sinnvoll?

Zum Pool der „UFOs“ im engeren Sinne“ lauten typische Forschungsfragen beispielsweise:

  • Wie ist der Pool der „UFOs im engeren Sinne“ strukturiert, d.h. wie lassen sich die „UFOs im engeren Sinne“ mit ihren spezifischen Merkmalsprofilen typologisieren?
  • Welche Hypothesen zur Erklärung dieser (verschiedenen) „UFOs im engeren Sinne“ sind denkbar und wie lassen sich diese prüfen?
  • Inwiefern beziehen Hypothesen oder theoretische Modelle zur Erklärung von „UFOs im engeren Sinne“ andere außergewöhnliche Phänomene aus dem Bereich der Anomalistik mit ein und inwiefern erhöht oder verringert dies ihre Trag- und Anschlussfähigkeit sowie Prüfbarkeit? Wie stark sind die empirischen Indizien, dass tatsächlich solche Querverbindungen bestehen?
  • Welchen Beitrag zum Verständnis von „UFOs im engeren Sinne“ liefern Informationen, die weitgehend unabhängig von Zeugenberichten sind und insofern einen „objektivierbaren“ Charakter haben (z.B. Bodenspuren, Artefakte, Radaraufzeichnungen, Bild- und Filmmaterial) ?
  • Lassen sich die von manchen UFO-Sichtern beschriebenen physischen Wechselwirkungen zwischen UFOs und der materiellen Umwelt anhand objektivierbarer Indizien bestätigen?
  • Ist es möglich, unter (quasi-)experimentellen Bedingungen „UFOs im engeren Sinne“ zu registrieren, z.B. durch automatisierte Beobachtungsstationen? Wenn ja, gibt es strukturelle Unterschiede zwischen der Gesamtheit der (quasi-)experimentell beobachteten „UFOs im engeren Sinne“ und der Gesamtheit der berichteten „UFOs im engeren Sinne“?
  • Lassen sich eindeutige Belege solche „UFOs im engeren Sinne“ erbringen, die einen so hohen Grad der Unkonventionalität aufweisen, dass ein dahinter stehendes, bislang noch nicht allgemein anerkanntes, völlig neuartiges Phänomen angenommen werden muss?
  • Falls ja, welche Indizien lassen sich darüber hinaus erbringen, dass dieses Phänomen durch unbekannte intelligente Akteure verursacht oder gesteuert wird?
  • Für den Fall, dass diese Indizien als zureichend für weitergehende Überlegungen empfunden werden: Um welche Art von Akteuren könnte es sich handeln, welche spezifische Hypothese über diese Akteure ist mit den empirischen Daten am ehesten vereinbar?
  • Geben die Untersuchungsergebnisse zu (manchen) „UFOs im engeren Sinne“ Anlass, wesentliche Bestandteile der in unserer Kultur derzeit dominierenden Welt- oder Menschenbilder als revisions- oder ergänzungsbedürftig anzusehen?

Da insbesondere die zuletzt genannten Fragen naturgemäß äußerst kontrovers diskutiert werden, sollte in allen Fällen gefragt werden: Was genau führt die von der jeweiligen Deutungsmöglichkeit überzeugten Personen zu dieser Interpretation? Sowie auch umgekehrt: Was genau führt Personen dazu, die jeweiligen Deutungsmöglichkeiten abzulehnen?

4. Forschungsfragen zum Status der UFO-Forschung

Im Blickpunkt dieser Forschungsfragen steht die UFO-Forschung selbst, die Bedingungen ihrer Institutionalisierung und ihre Rezeptionschancen. Typische Fragestellungen lauten beispielsweise:

  • Wie ist die derzeitige wissenschaftliche Marginalisierung der UFO-Forschung zu erklären und durch welche Maßnahmen ließe sich dies im Sinne einer Professionalisierung überwinden?
  • Wie (in)effektiv ist der Informationsfluss von der UFO-Forschung in den allgemeinen Wissenschaftsbetrieb und welche Faktoren sind dafür verantwortlich?
  • Mit welchen anderen Beispielen von Anomalien aus der Wissenschaftsgeschichte lassen sich „UFOs im engeren Sinne“ vergleichen und was kann man wissenschaftspolitisch daraus lernen?
  • Wie wirkt sich die Tatsache, dass die UFO-Forschung bei vielen Fragestellungen lediglich auf „Informationen aus zweiter Hand“ zurückgreifen kann, auf den Forschungsprozess aus? Welche Möglichkeiten gibt es, den damit verbundenen Problemen entgegen zu wirken?