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Archiv – Aktuelles

Grundkonsens der UFO-Forschung

A) Vorbemerkung

Bei den nachfolgenden Ausführungen handelt es sich um einen vorläufigen, noch in Arbeit befindlichen, gemeinsam erarbeiteten Grundkonsens verschiedener Einzelpersonen, die sich bei der Untersuchung von Berichten über sog. UFOs einem methodisch-systematischen Vorgehen nach den im Wissenschaftsbetrieb üblichen Spielregeln und Standards verpflichtet fühlen (sog. „UFO-Forscher“). Der Unterschriftenliste im Anhang, die derzeit noch fehlt und erst bei der Endversion des Textes ergänzt werden wird, kann entnommen werden, welche Personen diesen Grundkonsens teilen.

Anmerkung: Die Erarbeitung des Grundkonsenses ist gegenwärtig noch nicht abgeschlossen, d.h. die nachfolgenden Abschnitte stellen lediglich einen vorläufigen Stand der Diskussion dar und können noch verändert werden. Falls Sie sich als UFO-Forscher verstehen und manchen Punkten nicht zustimmen können, so fühlen Sie sich bitte herzlich eingeladen und aufgefordert, Vorschläge für bessere konsensfähige Formulierungen zu machen, damit dies für die endgültige Version mit berücksichtigt werden kann und diese Endversion dann auch ihre Unterschrift tragen könnte. Stand: 05.12.2004

B) Grundbegriffe und Ausgangslage

  1. Das Kürzel UFO steht für „Unidentifiziertes Fliegendes Objekt“ und hat für UFO-Forscher keinen darüber hinausgehenden Bedeutungsüberschuss. Insbesondere ist mit dem wertfreien Begriff „UFO“ nicht das in der Bevölkerung weit verbreitete Deutungsstereotyp „außerirdisches Raumschiff“ gemeint. Genau so wenig impliziert der Begriff „UFO“ irgendeine bestimmte Form des Objekts, wie es etwa durch die populäre Phrase „fliegende Untertasse“ in irreführender Weise suggeriert wird.
  2. Es ist unzweifelhaft, dass es immer wieder Menschen gibt, die Phänomene am Himmel sehen, welche sie sich persönlich nicht erklären können. In diesem Sinne ist die Existenz von UFOs ein völlig unstreitiges Faktum.
  3. Gelegentlich ist die Sichtung von UFOs auch mit Berichten über andere ungewöhnliche Phänomene verbunden, wie z.B. Bodenspuren, unidentifizierte Radarechos, Wechselwirkungen zwischen dem UFO und der Umgebung oder auch dem UFO-Sichter selbst, der Wahrnehmung oder dem Kontakt mit fremdartigen Wesen, spirituelle Erlebnisse u.a.m.
  4. Bei einer Untersuchung durch qualifizierte Experten (sog. UFO-Fallermittler) finden sich für einen Teil der berichteten UFO-Sichtungserfahrungen mehr oder minder nachvollziehbare und belegbare bekannte konventionelle Erklärungen wie z.B. „Meteor“, „Flugzeug“, „Disco-Scheinwerfer“ u.v.a.m. Solche aufgeklärten ehemaligen UFOs werden als „IFOs“ (=“Identifiziertes Fliegendes Objekt“) bezeichnet. Ein nur kleiner Teil der UFO-Meldungen lässt sich auf Schwindel oder bewusste Fälschungen zurückführen
  5. Bei einem anderen Teil der UFO-Sichtungen gelingt die Identifizierung nicht oder ist zumindest nicht klar belegbar, zuweilen auch trotz gut dokumentierter Datenlage und umfangreicher Recherchen. Solche auch nach einer Untersuchung durch Experten weiterhin unaufgeklärt bleibenden UFOs nennt man „UFOs im engeren Sinne“. Die Existenz solcher „UFOs im engeren Sinne“ als Residual-, d.h. Restkategorie ist ebenfalls unstrittig.
  6. Vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage ist die sog. „UFO-Forschung“ ein multidisziplinär angelegtes Unternehmen, das mit den verschiedenen Methoden etablierter wissenschaftlicher Disziplinen eine Vielzahl von Fragestellungen untersucht, die das UFO-Sichtungserfahrungen betreffen.

C) Forschungsfragen

Der Gegenstandsbereich der UFO-Forschung wird durch ihre Forschungsfragen umrissen. Sie lassen sich in verschiedene Fragenkomplexe untergliedern, über deren relative „Wichtigkeit“ sich unter UFO-Forschern kein Konsens erzielen lässt (naturgemäß hält jeder die von ihm selbst untersuchten Fragestellungen tendenziell für die interessantesten). Die Reihenfolge der nachfolgend angesprochenen Fragenkomplexe soll deshalb nicht deren relative „Wichtigkeit“ anzeigen, sondern sie ist schlicht so gewählt, wie sich Wissen über UFO- Sichtungserfahrungen schrittweise verbreitet und dabei zunehmend systematisch hinterfragt und analysiert wird:
Es beginnt – erstens – mit den Erfahrungen der UFO-Sichter. Diese werden – zweitens – durch das soziale Umfeld bzw. die Gesellschaft bewertet und (re)interpretiert. Daraufhin bemühen sich – drittens – UFO-Forscher um eine kritische Rekonstruktion des Geschehens. Schließlich unterliegt auch der Status dieser UFO-Forschung – viertens – einer kritischen (Selbst-)Reflexion, sei es durch die UFO-Forscher selbst oder durch externe Beobachter.

1. Forschungsfragen subjektzentrierte UFO-Forschung

Die subjektivzentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die Erfahrungen der UFO-Sichter aus deren eigener Perspektive, wie diese erlebt und verarbeitet werden. Typische Forschungsfragen sind beispielsweise:

  • Wie sind solche Erfahrungen phänomenologisch strukturiert?
  • Unterscheiden sich Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen in irgend einer Weise systematisch von der Durchschnittsbevölkerung (z.B. hinsichtlich von Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen, soziodemographischem Status, biographischen Hintergründen etc.) ?
  • Welche zeitlichen, räumlichen und kulturellen Muster in der Verteilung von UFO-Sichtungserfahrungen lassen sich rekonstruieren?
  • Wie verarbeiten Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen solche außergewöhnlichen Erlebnisse?
  • Werden UFO-Sichtungserfahrungen stets permanent erinnert oder finden sich auch Phänomene der Wiedererlangung oder Generierung von Erinnerungen (spontan oder auch im therapeutischen Rahmen)?
  • Welche Bedeutung haben religiöse Überzeugungssysteme für das Erleben von UFOSichtungserfahrungen?
  • Welche Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede bestehen zwischen UFOSichtungserfahrungen und anderen außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen wie z.B. sog. „Entity Encounter Experiences“ (=Fachbegriff für Begegnungserfahrungen mit fremdartigen Wesenheiten) ?
  • Wie reagiert die soziale Umwelt typischerweise auf Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen, und wie gehen UFO-Sichter typischerweise damit um?

2. Forschungsfragen kommunikationszentrierter UFO-Forschung

Die kommunikationszentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die Kommunikation über UFOSichtungserfahrungen in unterschiedlichen sozialen Systemen, und wie dadurch Berichten über UFOs ein Realitätsstatus zugeschrieben oder entzogen wird. Typische Forschungsfragen sind beispielsweise:

  • Wie verarbeiten die Gesellschaft und ihre verschiedenen Subsysteme typischerweise die Berichte über UFO-Sichtungserfahrungen?
  • Welche unterschiedlichen kommunikativen Modi, wie über UFOs gesprochen bzw. berichtet wird, lassen sich identifizieren, welche Funktion haben sie und wann kommen sie zum Einsatz?
  • Welchem historischen Wandel unterliegen Berichte über UFOs, und wie hat sich historisch die gesellschaftliche Kommunikation über UFOs entwickelt?
  • Welche kulturellen Unterschiede bestehen in der Kommunikation über UFOs, wie wird das Thema beispielsweise in „nicht-westlichen“ Kulturen behandelt?
  • Wie halten Menschen, die eine bestimmte Überzeugung zum Realitätsstatus oder zur Erklärung von UFOs haben, ihre Überzeugungen im Sinne von Belief- oder Disbelief-Systemen stabil? Welche stereotypisierten Diskurs- bzw. Immunisierungsstrategien prägen Pro/Contra-Debatten zum UFO-Thema?
  • Welche Gründe lassen sich identifizieren für die häufig anzutreffenden psychologisch-psychiatrischen Pathologisierungsversuche und die soziale Stigmatisierung von Menschen mit UFO-Sichtungserfahrungen?
  • Welche Bedeutung haben religiöse Überzeugungssysteme für den gesellschaftlichen Diskurs über UFOs? Wie kann man die teils enorme religiöse Produktivität von Erzählungen über UFOs und deren Deutung verstehen, wie sie sich auch in verschiedenen religiösen Gruppenbildungen manifestiert, und was zeichnet diese Gruppenbildungen aus?
  • Inwiefern ist die spezifische Kommunikation über UFO- Sichtungserfahrungen vergleichbar mit der über andere außergewöhnliche Erfahrungen oder anomale Erscheinungen?

Insbesondere die folgenden gesellschaftlichen Subsysteme scheinen von besonderem Interesse zu sein:

  • Die Medien: Spielen sie beispielsweise auch eine Rolle bei der Genese von UFO-Sichtungserfahrungen, gibt es medial induzierte Sichtungswellen? Welche Bedeutung hat das medial verbreitete Bild- und Filmmaterial für die Entwicklung des UFO-Diskurses?
  • Die explizit fiktionale Literatur: Welche Austauschbeziehungen bestehen insbesondere zwischen dem Science Fiction-Genre und dem nicht-fiktionalen UFO-Diskurs, und welche Konsequenzen hat dies für die gesellschaftliche Verortung des letzteren?
  • Die „scientific community“: Auf der Basis welcher Informationsquellen bildet sich die scientific community (außerhalb des Diskussionszusammenhangs der UFO-Forschung) ihre Meinung zu UFOSichtungserfahrungen? Welche Auswirkungen hat die Stigmatisierung der Thematik im üblichen Diskurs der Wissenschaftsgemeinde auf einzelne Wissenschaftler, die nicht dieser Erwartungshaltung entsprechen? Wie kam es historisch zu dieser Stigmatisierung und wie wird sie stabil gehalten?
  • Staatliche Institutionen: Welche Rolle spielten und spielen – insbesondere in den USA – Geheimdienste und andere staatliche Stellen bei der Etablierung und der Zurichtung des UFO-Themas? Welche Bedeutung hatten und haben in diesem Kontext sicherheitspolitische Überlegungen?
  • Die UFO-Szene, d.h. die Szene all jener Personen, die sich in irgend einer Weise dauerhaft mit UFO-Sichtungserfahrungen beschäftigen: Wie ist sie strukturiert und wie lassen sich diese Strukturen verstehen?

3. Forschungsfragen objektzentrierter UFO-Forschung

Die objektzentrierte UFO-Forschung interessiert sich für die mutmaßlichen Objekte, die und dem Pool der „UFOs im engeren Sinne“ unterschieden werden, wobei die genaue Abgrenzung zwischen beiden Pools oft kontrovers diskutiert wird.

Zum Pool der IFOs lauten typische Forschungsfragen beispielsweise:

  • Wie ist der Pool der IFOs strukturiert? Welche spezifischen Merkmalsprofile weisen die verschiedenen IFO-Typen auf?
  • Welche Faktoren (z.B. Vertrautheit mit bekannten Himmelsphänomenen, Ambiguitätstoleranz, ontologische und phänomenologische Vorannahmen) lassen sich identifizieren, die dazu führten, dass die IFOs von den Subjekten zunächst als UFOs eingestuft wurden?
  • Welche operationale Definition der genauen Grenzziehung zwischen IFOs und „UFOs im engeren Sinne“ ist für welches spezifische Forschungsinteresse sinnvoll?

Zum Pool der „UFOs“ im engeren Sinne“ lauten typische Forschungsfragen beispielsweise:

  • Wie ist der Pool der „UFOs im engeren Sinne“ strukturiert, d.h. wie lassen sich die „UFOs im engeren Sinne“ mit ihren spezifischen Merkmalsprofilen typologisieren?
  • Welche Hypothesen zur Erklärung dieser (verschiedenen) „UFOs im engeren Sinne“ sind denkbar und wie lassen sich diese prüfen?
  • Inwiefern beziehen Hypothesen oder theoretische Modelle zur Erklärung von „UFOs im engeren Sinne“ andere außergewöhnliche Phänomene aus dem Bereich der Anomalistik mit ein und inwiefern erhöht oder verringert dies ihre Trag- und Anschlussfähigkeit sowie Prüfbarkeit? Wie stark sind die empirischen Indizien, dass tatsächlich solche Querverbindungen bestehen?
  • Welchen Beitrag zum Verständnis von „UFOs im engeren Sinne“ liefern Informationen, die weitgehend unabhängig von Zeugenberichten sind und insofern einen „objektivierbaren“ Charakter haben (z.B. Bodenspuren, Artefakte, Radaraufzeichnungen, Bild- und Filmmaterial) ?
  • Lassen sich die von manchen UFO-Sichtern beschriebenen physischen Wechselwirkungen zwischen UFOs und der materiellen Umwelt anhand objektivierbarer Indizien bestätigen?
  • Ist es möglich, unter (quasi-)experimentellen Bedingungen „UFOs im engeren Sinne“ zu registrieren, z.B. durch automatisierte Beobachtungsstationen? Wenn ja, gibt es strukturelle Unterschiede zwischen der Gesamtheit der (quasi-)experimentell beobachteten „UFOs im engeren Sinne“ und der Gesamtheit der berichteten „UFOs im engeren Sinne“?
  • Lassen sich eindeutige Belege solche „UFOs im engeren Sinne“ erbringen, die einen so hohen Grad der Unkonventionalität aufweisen, dass ein dahinter stehendes, bislang noch nicht allgemein anerkanntes, völlig neuartiges Phänomen angenommen werden muss?
  • Falls ja, welche Indizien lassen sich darüber hinaus erbringen, dass dieses Phänomen durch unbekannte intelligente Akteure verursacht oder gesteuert wird?
  • Für den Fall, dass diese Indizien als zureichend für weitergehende Überlegungen empfunden werden: Um welche Art von Akteuren könnte es sich handeln, welche spezifische Hypothese über diese Akteure ist mit den empirischen Daten am ehesten vereinbar?
  • Geben die Untersuchungsergebnisse zu (manchen) „UFOs im engeren Sinne“ Anlass, wesentliche Bestandteile der in unserer Kultur derzeit dominierenden Welt- oder Menschenbilder als revisions- oder ergänzungsbedürftig anzusehen?

Da insbesondere die zuletzt genannten Fragen naturgemäß äußerst kontrovers diskutiert werden, sollte in allen Fällen gefragt werden: Was genau führt die von der jeweiligen Deutungsmöglichkeit überzeugten Personen zu dieser Interpretation? Sowie auch umgekehrt: Was genau führt Personen dazu, die jeweiligen Deutungsmöglichkeiten abzulehnen?

4. Forschungsfragen zum Status der UFO-Forschung

Im Blickpunkt dieser Forschungsfragen steht die UFO-Forschung selbst, die Bedingungen ihrer Institutionalisierung und ihre Rezeptionschancen. Typische Fragestellungen lauten beispielsweise:

  • Wie ist die derzeitige wissenschaftliche Marginalisierung der UFO-Forschung zu erklären und durch welche Maßnahmen ließe sich dies im Sinne einer Professionalisierung überwinden?
  • Wie (in)effektiv ist der Informationsfluss von der UFO-Forschung in den allgemeinen Wissenschaftsbetrieb und welche Faktoren sind dafür verantwortlich?
  • Mit welchen anderen Beispielen von Anomalien aus der Wissenschaftsgeschichte lassen sich „UFOs im engeren Sinne“ vergleichen und was kann man wissenschaftspolitisch daraus lernen?
  • Wie wirkt sich die Tatsache, dass die UFO-Forschung bei vielen Fragestellungen lediglich auf „Informationen aus zweiter Hand“ zurückgreifen kann, auf den Forschungsprozess aus? Welche Möglichkeiten gibt es, den damit verbundenen Problemen entgegen zu wirken?